© Annette v. Czarnowski M.A.
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Journalistische Texte

Veröffentlicht in "Fluter" Nr. 3 im Juni 2002 (Printausgabe)

Wie junge Aussiedler deutsche Politik kennenlernen

Die meisten jungen Aussiedler haben einen deutschen Pass und dürfen wählen. Doch Parteienlandschaft und politisches System sind für sie Neuland.

In Kasachstan konnten wir wählen gehen, aber man wusste vorher schon, wer gewählt wird." Eine ernüchternde Erfahrung, die der 22-jährige Alexander aus seiner alten Heimat mitbringt. Grund genug für ihn und seine Familie, dort gar nicht erst zur Wahl zu gehen.

Das wirkt auch in Deutschland nach. Eine spontane Abstimmung in Alexanders Berufsvorbereitungsklasse in Recklinghausen ergibt: Nur sechs der 15 jungen Leute zwischen 19 und 26 würden zur Wahl gehen. Einer der Gründe überrascht: Entgegen der weit verbreiteten Annahme, alle Aussiedler würden automatisch als Deutsche anerkannt, haben einige der in Kasachstan und Russland geborenen Schüler noch keinen deutschen Pass. Als nichtdeutsche Ehepartner oder als Kinder von nichtdeutschen Ehepartnern oder Aussiedlern warten sie auf ihre Einbürgerung und dürfen noch nicht wählen.

"Woher erfahre ich, was die Politiker und Parteien machen wollen?" Alexanders Frage wirft Licht auf ein weiteres Hindernis: Parteiprogramme oder Presseberichte sind Aussiedlern ohne Sprachkenntnisse nicht zugänglich. Hinzu kommen all die Probleme, die nach der Einreise erst einmal bewältigt werden müssen. Wer eine Unterkunft suchen, Sozialhilfe beantragen und die Aufnahme in eine Krankenkasse regeln muss, hat kaum Zeit, sich mit Tagespolitik zu beschäftigen. Von der Einreise bis zur Bewilligung eines Sprachkurses verstreichen oft sechs bis zwölf Monate - die politische Orientierung muss da erst einmal warten.

Die Sprachbarriere ist auch für die Teilnehmer des Sprachergänzungskurses für junge Aussiedler in Köln-Kalk ein Problem. Die Aussiedler und so genannten Kontingentflüchtlinge (russische Juden, die nach sieben Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten) sind über die anstehenden Wahlen informiert, kennen Parteien und Kanzlerkandidaten. Sven (24, Screen-Designer), Olga (23, Verkäuferin), Julia (22, Friseurin in Ausbildung) und Xenia (20, Ausbildung zur Kosmetikerin) haben den Sprachkurs bereits abgeschlossen. Sie erzählen abenteuerliche Geschichten vom Wahlverfahren in ihren Herkunftsländern. Julia berichtet von Wahllokalen ohne geschlossene Kabinen, bei denen an eine geheime Abstimmung nicht zu denken war. In Deutschland angekommen, hätte sie bereits an der Bundestagswahl von 1998 gern teilgenommen. Aber damals reichten ihre Deutschkenntnisse nicht aus, um sich zu orientieren. Die Bundestagwahl 2002 wollen alle vier auf keinen Fall versäumen.
Annette von Czarnowski

 

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Wer ist Aussiedler?

Als Spätaussiedler gelten nach dem Bundesvertriebenengesetze deutsche Volkszugehörige und ihre Familienmitglieder, die die ehemalige Sowjetunion nach 1992 verlassen und ein Aufnahmeverfahren durchlaufen haben. Deutschstämmige Immigranten aus anderen osteuropäischen Ländern wie Polen, Rumänien oder Ungarn müssen eine Diskriminierung auf Grund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit beweisen, um als Aussiedler anerkannt zu werden.

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Junge Aussiedler

Insgesamt sind rund 13.000 Aussiedler zwischen 18 und 24 Jahre alt. Damit entfällt auf diese Altersgruppe ein Anteil von ca. zwölf Prozent unter den Aussiedlern. Zum Vergleich: An der Gesamtbevölkerung hat sie einen Anteil von acht Prozent.

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