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Journalistische Texte
Veröffentlicht in "Stadtrevue"
Nr. 5 im Mai 2004 (Printausgabe)
In unserem Veedel
Seit letzten November hat der Junkie Bund
e.V. seine Kontakt- und Informationsstelle in Köln-Humboldt. Eine Bürgerinitiative
will den Auszug des Vereins erreichen.
»Die Arbeit hier läuft sehr gut«, sagt Bernd Lemke. »Wir
haben wieder etwa 40 Besucher am Tag, die zum Spritzen tauschen, Wäsche
waschen oder Essen kommen. Auch die psychosoziale Betreuung wird angenommen,
unsere Warteliste ist dicht.« Der Leiter und Mitbegründer des 1990 gegründeten
Junkie Bund e.V. ist mit dem neuen Standort in der Taunusstraße 12b, Köln-Humboldt,
zufrieden.
Die Kontakt- und Informationsstelle wird von Stadt und Land gefördert.
1999 bis 2003 war sie auf dem ehemaligen Industriegelände »In den Reihen«
untergebracht - wesentlich weiter von den Treffpunkten der Klienten entfernt
als jetzt. Damals ging die Besucherzahl auf etwa 15 pro Tag zurück. 2003
fiel auch noch die Heizung aus und wurde aus finanziellen Gründen vom
Vermieter, der Stadt Köln, nicht repariert. Mehrere Versuche des Junkie
Bund, zentraler gelegene Räume zu finden, scheiterten am Widerstand der
Nachbarschaft. Umso erleichterter war man, als endlich der Mietvertrag
für die Taunustraße unterschrieben war. Weniger erfreut sind Manfred Kohlstadt
und die anderen Mitbegründer/innen der 1. Bürgerinitiative Humboldt-Gremberg,
(darunter ein Immobilienmaklerehepaar aus Humboldt-Gremberg), die sich
den Auszug des Junkiebunds aus der Taunusstraße als Ziel gesetzt hat:
»Der Standort ist ungeeignet. Der Einzug des Junkie Bund war eine Nacht-
und Nebel-Aktion ohne Standortanalyse«, sagt ein Mitglied der Bürgerinitiative
(Name getilgt). Dabei beruft sich die Bürgerinitiative auf die Kölner
Polizei: Immerhin hatte Polizeidirektor Klinger sich vor der Anmietung
des Ladenlokals gegen den Junkie Bund als Mieter ausgesprochen.
In unmittelbarer Nähe des Ladenlokals liegen zwei Spielplätze und zwei
Schulen, die Anwohner fürchten weggeworfene Spritzen und Begegnungen von
Schulkindern mit Drogenkonsumenten oder Dealern. Angst vor einer Fortsetzung
der unruhigen Geschichte des Hauses schwingt außerdem mit: 1999 machte
die Adresse Taunusstraße 12b Schlagzeilen - als Lokal des MigrantInnenvereins
AGIF, in dem der Mitarbeiters Erol Ispir ermordet wurde. Der nächste Betrieb
an dieser Adresse, das Restaurant »Etna«, wurde im Juli 2003 wegen Drogenhandels
und -konsums geschlossen.
Öffentlicher Drogenkonsum ist im Viertel nichts Neues, ebenso wenig wie
Klagen über weggeworfene Spritzen. Zugenommen haben derartige Beschwerden
nach Aussage von Herbert Berger, Drogenreferent der Stadt Köln, seit dem
Einzug des Junkiebunds in die Taunusstraße nicht. Frühere Konsumorte im
Bezirk Kalk wie die mittlerweile abgerissenen Garagen auf dem Malteser-Gelände,
das jetzt eingezäunte Gelände hinter dem Jugendpavillon und das CFK-Gelände
sind zudem nicht mehr verfügbar. Und für die Einrichtung eines offiziellen
Konsumraumes in Kalk fehlt der Stadt laut Berger das Geld. Helfen würde
dies nach Ansicht von Arnd Rüenaufer, Kriminaloberrat bei der Kölner Polizei,
allerdings auch nicht. »Kalk ist überversorgt, und der Junkie Bund bietet
nur einen neuen Anziehungspunkt«, so seine Darstellung. Stattdessen begrüßt
er den geplanten Teilumzug einer anderen Kalker Hilfseinrichtung, des
Sozialdienstes katholischer Männer (SKM), nach Porz, wo viele neue Klienten
russlanddeutscher Herkunft wohnen.
Doch der SKM tut damit im Prinzip das Gleiche wie der Junkie Bund - nämlich
die Orte aufzusuchen, wo sich die Klientel ohnehin aufhält. Zurzeit betreibt
der SKM in der Kalker Dieselstraße, ebenfalls inmitten eines Wohngebietes,
wenn auch ohne Schule oder Spielplatz, eine Kontaktstelle. Auch die Arbeit
vergleicht Andreas Hecht, Leiter der Kontaktstelle, mit dem niedrigschwelligen
Angebot des Junkiebunds. Auch dort werden Spritzen getauscht, auch der
SKM versteht seine Tätigkeit als »akzeptierende Drogenarbeit«. Allerdings
betont Hecht, »ohne Perspektive auf Ausstieg würden wir nicht niedrigschwellig
arbeiten. Wir nehmen einen öffentlichen Auftag wahr«.
Der Ansatz des Junkie Bunds als Selbsthilfeeinrichtung der Betroffenen
ist jedoch nicht primär ausstiegsorientiert - und steht somit der restriktiven
Drogenpolitik, die die Polizei mit Platzverweisen für Drogenkonsumenten
in Kalk umsetzt, entgegen. So heißt es auf der Website des Junkie Bunds:
»Eine neue Drogenpolitik muss geprägt sein durch: Abkehr von der alleinigen
Orientierung an der Abstinenz (...), Beendigung der menschenunwürdigen
Unterdrückung und Verfolgung von Drogengebrauch und Drogengebraucher(inne)n...«.
Diese Forderungen des Junkie Bunds nach Entkriminalisierung des Drogenkonsums
lässt bei der bürgerlichen Mehrheit in Humboldt die Alarmglocken klingeln.
Ein Wegzug des Junkiebunds würde allerdings niemandem dort ein Ende der
Probleme im Viertel garantieren. 2001 machte der Junkiebund bereits einen
ersten Versuch, in die Taunusstraße zu ziehen. Der Einzug wurde damals
von der Polizei abgelehnt mit dem Hinweis, die Gegend sei schon belastet
genug. Stattdessen eröffnete dann der spätere Drogenumschlagsplatz »Etna«.
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